Regeln für Sondennahrung

Freitag, 12. März 2010 verfasst von admin



Näher an der Praxis: Regeln für Sondennahrung 



Ärzte müssen die vom Bundesgesundheitsministerium erarbeitete Richtlinie ab sofort beachten



BERLIN (HL). Kurz und knapp hat das Bundesgesundheitsministerium in einer Ergänzung der Arzneimittelrichtlinien geregelt, unter welchen Bedingungen Ärzte enterale Ernährung verordnen können. Die Richtlinie, die zu verfassen dem Bundesausschuss in drei Anläufen nicht befriedigend gelungen war, tritt am 1. Oktober in Kraft.




Grundlage der Richtlinie ist Paragraph 31 Absatz 1 SGB V. Danach ist Sondennahrung ausnahmsweise eine GKV-Leistung, und sie bekommt damit einen ähnlichen Status wie Arzneimittel. "Ausnahmsweise" bezahlen Kassen Sondennahrung, weil Ernährung im Normalfall keine Kassenleistung ist.



Wie diese Ausnahmen zu regeln sind, darüber ist jahrelang gestritten worden. Zuletzt hatte der Gemeinsame Bundesausschuss eine hochkomplizierte Richtlinie von fast 40 Seiten entworfen – untauglich für die Praxis, vom Ministerium verworfen. Das hat eine eigene, kurze Richtlinie gemacht.

Danach gilt: Lebensmittel, Nahrungsergänzungsmittel, Krankenkost und diätetische Lebensmittel einschließlich Produkte für Säuglinge und Kleinkinder werden von den Kassen nicht bezahlt.



Zur Kassenleistung zählen hingegen Aminosäuremischungen (soweit medizinisch notwendig auch mit Fetten und Kohlenhydraten), Eiweisshydrolysate, Elementardiäten und Sondennahrungen. Dazu gibt es in der Richtlinie Kurzdefinitionen. Produkte, die nicht dieser Definition entsprechen, weil sie beispielsweise nur Kohlenhydrate oder Fette enthalten, können nicht verordnet werden.



Davon gibt es aber eine Ausnahme: und zwar für bilanzierte Diäten für Patienten mit angeborenen, seltenen Defekten im Kohlenhydrat- und Fettstoffwechsel und anderen Erkrankungen, die zu schwerer geistiger oder körperlicher Beeinträchtigung führen können und bei denen eine diätetische Intervention mit diesen Diäten medizinisch notwendig ist. Der Arzt muß prüfen, ob ein solches Produkt medizinisch notwendig ist oder ob symptomatische oder eigenverantwortliche Maßnahmen Priorität haben.



Weitere Voraussetzung für die Verordnung von enteraler Ernährung ist, dass sie medizinisch notwendig ist. Diese Notwendigkeit fasst das Ministerium erheblich weiter als dies der Bundesausschuss gewollt hat. 

So kann enterale Ernährung bei fehlender oder eingeschränkter Fähigkeit zur ausreichenden normalen Ernährung verordnet werden, wenn eine Modifizierung der normalen Ernährung oder sonstige ärztliche oder pflegerische Maßnahmen nicht ausreichen. Enterale Ernährung und sonstige Maßnahmen zur Verbesserung der Ernährungssituation schließen sich nicht aus, sondern können miteinander kombiniert werden.



Der Arzt muß prüfen, ob es andere Maßnahmen zur Verbesserung der Ernährungssituation gibt, damit auf den Einsatz enteraler Ernährung verzichtet werden kann. Das kann sein:

- kalorische Anreicherung der Nahrung etwa mit Sahne, Öl, Nahrungsmitteln mit hoher Energiedichte, 
- gute Lagerung des Patienten, Logopädie, Ergotherapie, um Schluckfähigkeit und Essmotorik zu verbessern, 
- Überprüfung der Medikation mit Blick auf Appetithemmung, 
- Sicherung einer ausreichenden Trinkmenge bei der Pflege, 
- Behebung von Kaustörungen durch Mundhygiene und Zahnbehandlung, 
- mehr Zuwendung beim Essen bei geistigen und seelischen Störungen, 
- soziale Maßnahmen wie Beratung von Angehörigen, Organisation von Besuchsdiensten. 

Zu den Standard- und Spezialprodukten, die von der GKV bezahlt werden müssen, zählen auch Produkte mit Anpassung für Niereninsuffiziente sowie altersadaptierte Produkte für Säuglinge und Kleinkinder.

Ebenfalls müssen Kassen Elementardiäten mit hochhydrolysierten Eiweißen oder Aminosäuremischungen für Säuglinge und Kleinkinder mit Kuheiweißallergie oder Patienten mit multiplen Nahrungsmittelallergien bezahlen.

Ferner: niedermolekulare und speziell mit mittelkettigen Triglyzeriden angereicherte Produkte sowie defektspezifische Aminosäuremischungen.

Keine Kassenleistung sind krankheitsadaptierte Spezialprodukte für Patienten mit chronischer Herz-Kreislauf- oder Atemwegsinsuffizienz, mit Diabetes mellitus, mit geriatrischen Problemen sowie für Patienten mit Tumoren, auch dürfen sie nicht zur Dekubitusprophylaxe oder zur Stützung des Immunsystems auf GKV-Kosten verordnet werden.



Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt wie auch die Patientenvertreter im Bundesausschuss – die gegen die GBA-Richtlinie gestimmt hatten – glauben, daß mit dem neuen Regelwerk die Versorgung der Betroffenen sichergestellt werden kann. Ausdrücklich fordert die Ministerin die Ärzte auf, sich in ihrer Fortbildung sachkundig zu machen. 

Dies gelte auch für einen denkbaren Missbrauch von Sondennahrung in der Pflege. Ein solcher Missbrauch könne nicht durch einen Leistungsausschluss verhindert werden, sondern sei Aufgabe der Qualitätssicherung in Medizin und Pflege.



 


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