Wie ein Schlaganfall Raucher von ihrer Sucht befreien kann

Donnerstag, 11. März 2010 verfasst von admin

Inselkortex als Abhängigkeitszentrum – Wie ein Schlaganfall Raucher von ihrer Sucht befreien kann

Los Angeles – Ein sehr effizienter, wenn auch therapeutisch kaum gangbarer Weg, mit dem Rauchen aufzuhören, scheint ein Schlaganfall zu sein, der die Insula cerebri zerstört. 

Dies berichten US-Forscher anhand von Fallbeispielen in Science (2007; 315: 531-534), in denen sie Überlegungen anstellen, wie diese Erkenntnis therapeutisch genutzt werden könnte.

Die Studie von Antoine Bechara von der Universität von Kalifornien in Los Angeles wurde von einem Patienten inspiriert, der bis zu seinem Schlaganfall 40 Zigaretten pro Tag geraucht hatte, seither aber keine einzige Zigarette mehr anrührte. Er habe den Drang zum Rauchen ganz einfach vergessen, berichtete den erstaunten Ärzten.

Um zu überprüfen, ob es sich um einen Einzelfall handelt, suchten die Forscher nach ähnlichen Fällen in einem Schlaganfall-Register der Universität Iowa. Dort fanden sie 69 Patienten, die vor dem Schlaganfall geraucht hatten. Von den 19 Patienten, bei denen eine Schädigung der Insula auftrat, gaben 13 nach dem Schlaganfall das Rauchen auf und 12 der 13 taten dies unverzüglich – weniger als einen Tag nach dem Insult, ohne dass sie seither wieder ein Craving, den Drang nach Zigaretten verspürt hätten. Von den anderen 50 Schlaganfallpatienten ohne Insulabeteiligung gaben nur 19 das Rauchen auf, die meisten aber nicht sofort und auch nicht ohne Craving. Die Chancen, dass bei einem Schlaganfall im Inselkortex die Nikotinabhängigkeit schlagartig „abreißt“, ist nach einer von den Autoren aufgestellten Kalkulation 137-fach höher als bei Schlaganfällen in anderen Hirnregionen.

Die Beteiligung der Insula mag Experten überraschen, die diese Hirnstruktur bisher nicht mit dem Suchtverhalten in Verbindung gebracht haben. Der Ursprung wird eher in den Belohnungszentren vermutet, in denen der Neurotransmitter Dopamin eine zentrale Rolle spielt. Das eine schließt aber das andere nicht aus. Die Insula, die enge Verbindung zum limbischen System hat, ist an der Vermittlung von subjektiven Gefühlen an höhere Zentren beteiligt.

Dazu gehören Hunger, Schmerzen, aber vielleicht auch der Drang nach der nächsten Zigarette. Bechara vermutet, dass die körperlichen Reize, die mit dem Rauchen verbunden sind – von der unmittelbaren Reizung der Atemwege bis zur Beseitigung der Entzugssymptome – von der Insula antizipiert werden, was dann dem Gehirn als emotionaler Wunsch signalisiert werden. In der Insula werden Information von verschiedenen Sinnesreizen verarbeitet, vom Geruch des Zigarettenrauchs, dem haptischen Gefühl, welches die Zigarette in den Fingern und zwischen den Lippen vermittelt. Die Summe dieser Reize erweist sich dann in Verbindung mit den in Aussicht gestellten positiven Gefühlen stärker als alle Vorsätze.

Wenn die Autoren recht haben, könnte dies durchaus die psychologischen Ansätze zur Abstinenz stärken, die das Rauchen als erlerntes Verhalten betrachten. Die Gegenmaßnahmen könnten darin bestehen, den Rauchern einen Ersatz für die Zigaretten anzubieten, der sich ähnlich anfühlt, riecht oder schmeckt. Dass derartige Versuche mit rauchfreien Zigaretten, Inhalatoren zur Reizung der Atemwege et cetera bisher gescheitert sind, spricht gegen diese Theorie. Die Forscher waren auch überrascht, dass keiner der Patienten den Drang nach anderen emotional positiv bewerteten Bedürfnissen wie Essen oder Trinken verlor.
 

 


Falls für Sie diese Information hilfreich war, freuen wir uns über eine SPENDE

 

Ähnliche Beiträge

  1. Hyperbare Sauerstofftherapie kann den Blutfluss nach einem Schlaganfall normalisieren
  2. Spaziergang kann helfen, Zigarettenverlangen zu widerstehen
  3. Ein erhöhter Blutdruck kann zu schweren Folgeerkrankungen führen
Werbung

Rss Feed Tweeter button Facebook button Myspace button Linkedin button