Der Blutgerinnung nachhelfen

Sonntag, 7. März 2010 verfasst von admin

15 Prozent aller Schlaganfälle werden durch eine Blutung im Gehirn ausgelöst. Ein neues Mittel kann das gefährliche Leck stopfen.
Lange Zeit bestand für Schlaganfallopfer wenig Hoffnung. Selbst wenn ein Patient rechtzeitig in eine Klinik kam, gab es dort kaum wirksame Therapien für ihn. Doch jetzt verzeichnen Mediziner immer mehr Fortschritte auf dem Gebiet. Das wurde am Wochenende auf dem internationalen Symposium des Kompetenznetzes Schlaganfall (KNS) in Berlin deutlich.

85 Prozent der Schlaganfälle werden durch ein Blutgerinnsel ausgelöst. Für diese Patienten stehen inzwischen Medikamente zur Verfügung, die das Gerinnsel auflösen. Nun zeichnet sich auch für die restlichen 15 Prozent der Schlaganfälle, bei denen eine Hirnblutung die Versorgung des Gehirns blockiert, eine mögliche Therapie ab.

Rund die Hälfte dieser Patienten stirbt innerhalb des ersten Jahres, nur 20 Prozent der überlebenden Patienten tragen keine schwere Behinderung davon. Viele Patienten erleiden Nachblutungen, was ihre Überlebensprognose zusätzlich verschlechtert. Bislang gibt es für diese Form des Schlaganfalls keine Therapie. Auf dem KNS-Symposium berichtete Thorsten Steiner, Neurologe an der Universitätsklinik Heidelberg, von einer viel versprechenden Behandlung mit dem Gerinnungsfaktor VIIa. Der Neurologe testete die Substanz zusammen mit Kollegen in einer internationalen Studie an 399 Patienten. Wie die Forscher im Fachmagazin New England Journal of Medicine (NEJM) schreiben, verringerte die Behandlung mit dem Wirkstoff innerhalb von vier Stunden nach dem Schlaganfall das Ausmaß der Nachblutung um 50 Prozent. Zudem starben weniger Patienten an der Hirnblutung.

Der Gerinnungsfaktor VIIa (Handelsname: Novo-Seven) wird von der Firma Novo Nordisc gentechnisch hergestellt und ist bislang nur zur Behandlung von Blutern zugelassen, denen dieser Faktor fehlt. Patienten mit einer Hirnblutung weisen den Faktor in ihrem Blut zwar auf. "Die zusätzliche Gabe hilft aber das Leck, das bei einer Hirnblutung entsteht, schneller zu stopfen", sagt Steiner. Der Faktor VIIa spürt den Gewebefaktor auf, der in der Gefäßwand sitzt und nur dann mit Blut in Berührung kommt, wenn ein Gefäß platzt. Durch den Kontakt der beiden Faktoren wird die Blutgerinnung in Gang gesetzt und das Gefäß verschließt sich.

Wie Steiner berichtete, birgt die Behandlung jedoch ein Risiko: Wird zu viel von dem Faktor gegeben, kann es zu Gefäßverschlüssen kommen, die ihrerseits zu Herzinfarkten oder Schlaganfällen führen. Deshalb hat er eine weitere klinische Studie mit 816 Teilnehmern begonnen. Mit ihr wollen die Forscher unter anderem die Frage klären, bei welchen Patienten die Gefahr von Nebenwirkungen besonders ausgeprägt ist und in welcher Dosis der Wirkstoff maximal verabreicht werden darf. Mit ersten Resultaten rechnet der Neurologe im Frühjahr.

Auch Arno Villringer, Neurologe an der Berliner Charité und Koordinator des KNS, hat den Gerinnungsfaktor VIIa schon versuchsweise bei Schlaganfallopfern eingesetzt. "Wir sind alle begeistert. Wenn die aktuelle Studie die bisherigen Ergebnisse bestätigt, könnte die Zulassung bald möglich sein", sagt er. Gerade bei Patienten mit mittelschweren Blutungen, die oft mit Behinderungen leben müssen, könnte der Gerinnungsfaktor VIIa das Schlimmste verhindern.
Wie der Charité-Forscher berichtete, zeichnet sich eine Therapieverbesserung auch für diejenigen Schlaganfallpatienten ab, bei denen ein Blutgerinnsel die Versorgung des Gehirns beeinträchtigt. Seit einigen Jahren wenden Ärzte die Thrombolyse an, bei der das Gerinnsel mit dem Medikament Alteplase aufgelöst wird.

Bislang galt dabei die Regel, dass Alteplase spätestens drei Stunden nach dem Schlaganfall verabreicht werden muss. "Künftig könnte für einige Patienten dieses Zeitfenster größer werden", sagt Villringer. Forscher des KNS haben mithilfe von Kernspintomografie-Untersuchungen Kriterien festgelegt, anhand derer sich rasch herausfinden lässt, welche Patienten von einer Thrombolysebehandlung noch über die drei Stunden hinaus profitieren.
Außerdem sei dem KNS ein wichtiger Nachweis gelungen. Demnach kann man mit der Kernspintomografie mindestens genauso gut wie mit der bisher eingesetzten strahlenintensiven Computertomografie Gefäßverschlüsse und Hirnblutungen voneinander unterscheiden. Für den Patienten ist genau diese Differenzierung von lebenswichtiger Bedeutung.

NEJM, 2006;352:777

 

 

 


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